Fotoreise Island: Warum das Erlebnis Priorität haben sollte
Zum dritten Mal zog es mich nach Island, der kleinen Insel im nördlichen Atlantik auf unmittelbarer Höhe des Polarkreises. Die vielen Touristen sind mit guter Kamera, Drohne, Pocket-Cam und Selfie-Stick ausgerüstet. Denn Island ist schön, sehr sogar - und das will man festhalten. Doch auch die beste Kameraausrüstung kann dir eines nicht geben: das Erleben des Moments vor Ort.
Island ist eine Bucketlist-Destination. Man will die Hotspots abhaken. Ein Selfie hier, ein Foto da und weiter zum nächsten Spot. Gerade im Süden ist das besonders sichtbar. Ganze Busladungen und Camper eilen an die Wasserfälle und Strände, wo Touristen sich davor fotografieren lassen und Selfies machen. Dabei wird auch kaum noch Rücksicht auf andere Personen genommen. Doch anstatt sich darüber zu ärgern, lässt sich dieser Trubel zu gut 90 Prozent umgehen. Klar, man will diese Hotspots auch sehen. Einige davon sind so gigantisch und eindrücklich, dass es schade wäre, sie auszulassen, selbst wenn man sie wie ich schon einmal gesehen hat. Das Licht und die Stimmung sind nie zweimal gleich. Die Frage ist also nicht, ob man hingehen soll, sondern was man machen kann, um das Erlebnis in den Vordergrund zu stellen.
Sei einfach früher dran als die anderen
Ein früher Start in den Tag ohne Frühstück im Hotel verschafft dir einen Zeitvorteil von gut einer Stunde. Erfahrungsgemäss kommen die Massen gegen 08:30 Uhr zu den Spots. Wenn du wie wir Skyr Joghurt, Brot und Honig oder Früchte im Auto hast, kannst du auch danach samt Aussicht frühstücken. Und guten Kaffee gibt es in Island praktisch überall.
Mit dem Mittagessen verhält es sich eigentlich genau gleich. Geh um 11:30 Uhr essen und die Lokale sind noch leer, oder suche dir Orte bei den kleinen Häfen… da wo auch die Locals hingehen. Das sind oftmals sehr kleine und eher unauffällig gekennzeichnete Lokale mit preiswerten Fischsuppen, selbstgebackenem Brot und Salat. Die sind tatsächlich wesentlich günstiger als die Burger mit Pommes - und gesünder.
Frühstücken am Fjord
Die isländischen Skyr Joghurts schmecken besonders gut bei Sonnenaufgang an einem Fjord.
Lunch mit Aussicht
Blaukäse auf Roggenbrot - zwischen Rucksäcken und Trekking Schuhen - dafür mit unvergesslicher Aussicht.
Mittelformat und Analog: Mein Setup für Island
Leser meiner Reiseberichte wissen, dass ich gerne mal neue Kameras ausprobiere oder sogar die Marke wechsle. So waren meine grössten Anschaffungen der letzten paar Jahre die Leica M11 und die analoge Leica M6. Gerade die M6 mit den Filmrollen hat ihren ganz besonderen Reiz. Für diese Reise hatte ich diese mit Filmrollen von Kodak Ektachrome E100 geladen.
Die Leica M6 - eine Klasse für sich
Meine Leica M6 ist aus dem Jahre 1988. Ein Original sozusagen. Nachdem ich meine ersten Erfahrungen mit der Analogfotografie machen durfte (siehe: Projekt Analog in Paris), ist diese Kamera auf meinen Reisen ein stetiger Begleiter geworden. Wer sich für solche Stücke interessiert, wird im Camerastore Zürich definitiv fündig.
Doch nebst der kürzlich für mich entdeckten analogen Fotografie, fehlte mir auf meinen Reisen seit dem Verkauf meines Mittelformat-Systems von Fujifilm vor drei Jahren etwas Entscheidendes. Es war nicht nur die unübertroffene Schärfe, sondern vor allem die Fuji-Filmsimulation «Classic Chrome» – ein Look, den ich über die Jahre immer mehr vermisste.
Für Island wollte ich diesmal keinen Leica-M11-Look und auch nicht das eher flache Profil meiner Nikon. Ich wollte genau diesen starken Mittelformat-Look. So beschloss ich kurzerhand nach den Sommerferien, mir mit der Fuji GFX 100s II und zwei Objektiven (45mm 2.8 / 110mm 2.0) wieder dasjenige System anzuschaffen, mit dem ich dank 102 Megapixeln Bilder in absoluter Mega-Auflösung erstellen kann.
GFX 100s II: Wellen vom Black Beach - links wie aufgenommen und rechts reingezoomed.
Reynisfjara: Sneaker-Waves und der fotografische Röhrenblick
Für viele ist ein Foto einfach ein Foto - einige behaupten sogar, dass man auch mit den Smartphones gute Fotos machen kann. Das stimmt durchaus. Aber wer schon mal eine Landschaftsaufnahme aus einer Mittelformatkamera wie die GFX als grossformatigen Fine-Art-Print an der Wand gesehen hat, weiss, wovon ich spreche: Man sieht auf dem gedruckten Bild jedes noch so kleine Detail. Und man kann fast endlos reinzoomen und verliert kaum Bildqualität.
Professionelles Equipment macht am Ende eben doch einen Unterschied… auch wenn es nur der Fotograf sieht. Was ihr aber hier sehen könnt, sind durchaus grosse Gegensätze. Maximale Schärfe vom digitalen Mittelformat versus analoge Bilder aus der M6 mit einem ISO 100 Film - Bilder mit einem gewissen Charakter.
Leica M6 analog mit Ektachrom E100 Film / Format 3:2
Die Wellen an diesem Strand haben wir in dieser Grösse und Stärke noch sie so aufschlagen sehen. Vik ist bekannt für seine Sneaker-Waves. Unberechenbar kommt zwischendurch immer wieder eine Welle extrem hoch an den Strand, und der Sog zurück ins Meer ist sehr stark. (Wer mag, suche auf Youtube mal «Sneaker Waves Iceland»).
Die grosse Gefahr lauert hier ganz klar in der Abgelenktheit durchs Fotografieren. Man geht (zu) nah ran, schaut durch den Sucher und hat faktisch einen Röhrenblick auf das Motiv, das man fotografieren will. Kommt nun eine solche Welle in grossem Tempo daher, hast du kaum Chancen davonzukommen. Das heisst: Wer dort fotografiert, hat entweder ein Zoom-Objektiv und fotografiert aus der Distanz, oder du schaust nach praktisch jedem Foto aufs Meer und behältst die Wellen im Blick. Mit dieser Kraft sollte man es nicht aufnehmen – auch nicht als guter Schwimmer.
Fuji GFX 100s II - Filmsimulation Classic Chrome / Format 4:3
Und - Unterschied in den Bildern festgestellt? Was gefällt besser und warum? Schreib es mir in die Kommentare😊
Immer weiter nach Osten
Die Sache mit dem früh aufstehen und die Mahlzeiten anders zu planen als gewohnt ist sicher schon mal der erste wirkungsvolle Trick, um einige Spots - auch wenn nur kurz - für sich zu haben. Der zweite ist die Reise in den Osten, wobei das Vestrahorn hier eine Art Tor in eine andere Welt darstellt - einer Welt mit wesentlich weniger Touristen. Bis dahin lohnen sich dennoch ein paar Stopps auf der Circle Road, bspw. an der Glacial Lagoon beim Diamond Beach, wo im Vergleich zu vor fünf Jahren wesentlich weniger Eisstücke auf dem Wasser der Gletscherlagune Jökulsárlón treiben (Zum Blog: Island vor 5 Jahren). Manche sind glasklar, andere schimmern bläulich – ein spannender Kontrast. Leica M6
Bilder unten: GFX 100s II
Das Tor zum Osten
Am Vestrahorn ist vor allem die Kombination speziell: ein schroffes, gezacktes Bergmassiv direkt hinter einem flachen schwarzen Sandstrand, dazu grasbewachsene Dünen und Wasserflächen, in denen sich die Gipfel spiegeln. Hier stoppt man nicht nur wegen des Berges, sondern weil auf Stokksnes mehrere starke Bildelemente an einem Ort zusammenkommen. Dahinter geht die Reise weiter – in die Weite, in die Stille und ein Stück weiter weg von den Massen.
Bilder unten: Leica M6
Katenka mit der GFX 100s II
Das Wetter war rau, es regnete leicht und auch da kamen Wellen immer wieder sehr nah, doch mit diesem Element versucht ich zu spielen. Gut ist die GFX Spritzwasserfest (Man kann diese Kamera sorglos in den Regen nehmen). Leica M6
Timing ist alles, heisst es, hier hat es mich wegen 2 Sekunden doch noch erwischt.
Auf der anderen Seite
Am Ende des Tunnels angekommen, siehst du das Vestrahorn von der anderen Seite. Ebenfalls ein immenser Strand mit grossen, weissen Wellen, die auf dem schwarzen Gestein empor rauschen und immer wieder unterschiedliche Muster zeichnen. In der Ferne die gezackten Berge und die rosa Verfärbung am Himmel nach Sonnenuntergang.
Hvalnes Nature Reserve Beach
Die Zeichnungen, welche die Wellen für einen kurzen Augenblick hinterlassen, sind jedes Mal verschieden. Jedes Foto ist anders - immer.
Am Hvalnes Strand
Gute, warme Kleidung ist in Island ein Muss.
Leica M6
Allein zu zweit
Unser nächstes Ziel ist Seyðisfjörður. Wir geniessen die Ruhe der fast leeren Strassen und halten mal hier und mal dort. So vieles gibt es zu sehen… aber offenbar scheint es für die grosse Masse weniger interessant zu sein. Uns gefällt’s.
Bilderserie GFX 100s II
Seyðisfjörður - das grüne Licht über dem kleinen Hafenstädtchen in den Ostfjorden
Island befindet sich so ungefähr auf der gleichen Höhe wie unser rotes Haus in Schwedisch-Lappland. Und für unsere kommende Nacht in Seyðisfjörður schien sehr viel für ein kleines Aurora-Spektakel zu sprechen. Das Problem im Vergleich zu Lappland: Die Fjorde sind von ziemlich hohen Bergen umgeben. Der Blick nach Norden sollte wenn irgendwie möglich frei sein - gerade bei einem tieferen KP-Index (In diesem Blog hier erfährst du mehr über Aurora Borealis und wie man die Kennzahlen aus der Aurora App interpretiert). Also fuhren wir nach dem Abendessen die Passstrasse hoch - und es hat sich gelohnt.
Aurora Borealis über Seyðisfjörður
Nordlichter fotografiert man idealerweise mit Stativ und spielt mit der Verschlusszeit. Drei Fotos vom exakt gleichen Ort, aufgenommen mit einem Zeitunterschied von drei Minuten.
GFX 100s II
Nordlichter sind immer in Bewegung - auch wenn es nicht immer so scheint. Und auch die Farbstiche können sich innerhalb von wenigen Sekunden verändern. Und wer immer noch glaubt, man könne sie von blossem Auge nicht sehen, soll gerne in den Norden kommen. Am besten schon diesen Februar zu mir in die Winterdurchführung von Destination Norden😉.
Sonnenaufgang am Fjord
Fragt ihr euch, warum die Sonne rechts im Bild steht? Der Blick geht hier ungefähr nach Osten. Im Winter zieht die Sonne in Island aber tief über den südlichen Horizont – und steht deshalb rechts von uns.
GFX 100s II
Ab in den Norden
Am nächsten Morgen frühstückten wir draussen am Fjord und genossen den Sonnenaufgang bei 0 Grad. Und es war auch da wo wir entschieden haben, dass wir jetzt vom äussersten Osten zum nördlichsten Norden fahren werden. Der Umstand, dass wir hier das Alleinesein genossen haben, liess uns gemütlich - aber auch mit mehreren Stops u.a. in Husavik - in die nördlichste Stadt Islands fahren: Siglufjörður. Leica M6
Geothermisches Bad GeoSea in Húsavík
Wer daran vorbeifährt, verpasst was.
iPhone 14 pro max
Auf dem Weg von Húsavík nach Siglufjörður. GFX 100s II
Siglufjörður - die nördlichste Stadt in Island
Auf unseren Reisen buchen wir ausser den Flug und den Mietwagen nichts im Voraus. Übernachtungsmöglichkeiten checken wir in der Regel jeden Nachmittag. Klar, manchmal ist die Auswahl dann begrenzt, aber ob es ein Bett in einer Jugendherberge oder einem Guesthouse mit Gemeinschaftsbad ist, hat uns noch nie so richtig gekümmert. Wir leben mit der Überzeugung, dass man mit dieser Art von Reisen immer wieder mal die besten Deals findet aber auch an unerwartet schöne Orte kommt, die man durch Vorausbuchen leicht verpasst. Das Siglo Hotel in dieser Stadt war auf jeden Fall der Burner und da wir direkt vor Ort nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt haben, fuhren wir mit 30% Rabatt wesentlich günstiger als einer Buchung auf Booking.
Zurück nach Reykjavik
Die Fahrt von Siglufjörður bis nach Reykjavik dauerte sechs Stunden. Das Wetter war verhangen und immer wieder regnete es. Dennoch liessen wir uns nicht davon abhalten und hielten gelegentlich um die Aussicht zu geniessen oder mit Isländern ins Kontakt zu kommen.
Isländer im Regen
Begegnungen mit Isländer sind keine Seltenheit.
GFX 100s II
Blaue Augen bei Isländer
Manchmal ist auch nur eines blau.
GFX 100s II
Spielt die Kamera auf Reisen also wirklich eine Rolle?
Eigentlich nicht – und irgendwie eben doch. Denn als Fotograf habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie das fertige Bild wirken soll. Nicht jede Kamera ist für alles gleich gut geeignet. Dass ich für diese rauen Landschaften die 102-Megapixel-Monsterkamera von Fuji dabei haben wollte, war eine bewusste Entscheidung. Und doch fotografierte ich parallel auch mit der Leica M6 auf Film – und hatte während der Reise keine Ahnung, was die entwickelten Bilder am Ende liefern würden. Oftmals sind diese analogen Bilder im Charakter einzigartig, weil genau diese Imperfektion (Farbstiche, Unschärfe) ihren ganz eigenen Reiz hat und mir enorm gut gefällt.
Doch die ehrliche Wahrheit ist: Manchmal ist es genau die Ausrüstung und der unbedingte Wille zum perfekten Bild, die einen daran hindern, einen Ort in Ruhe anzuschauen. Der Wunsch, Landschaften komplett ohne Touristen abzulichten, führt gezwungenermassen zu Stress. Auch wenn ich hier schreibe, dass man die Kamera bewusst mal absetzen soll – es klappt bei mir selbst nicht immer. Am Black Beach habe ich beispielsweise über 300 Fotos mit der GFX durchgejagt, im Continuous Modus. FOMO (Fear Of Missing Out). Die blanke Angst, den einen, absolut besten Shot zu verpassen. Schon verrückt eigentlich.
Mit der analogen Leica waren es am selben Strand genau 10 Bilder. Und ich würde mir ungeniert eines davon an die Wand hängen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Reise. Die Wahl zu haben, das Werkzeug nach der eigenen Vision auszusuchen, ist purer Luxus. Aber man muss höllisch aufpassen, dass man vor lauter FOMO und Technik-Fokus nicht genau das verpasst, wofür man eigentlich angereist ist: das Erleben des Moments.
