Die Vergänglichkeit der Giganten II - ein Jahr danach
Vor einem Jahr stand ich in den Eishöhlen des Morteratschgletschers. Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl: das tiefe, fast unwirkliche Blau des Eises über mir, die Stille, die einen atemlos macht, und das leise Bewusstsein, dass das, was man gerade erlebt, nicht für immer da sein wird. Ich schrieb damals über Vergänglichkeit und über die Kraft der Fotografie, Momente festzuhalten, die vielleicht spurlos verschwinden. Und was wir letztes Jahr noch festhalten konnten, davon ist heute kaum mehr etwas übrig. Die Eishöhlen, diese gigantischen, fast leuchtend blauen Gewölbe – sind eingebrochen. Geschmolzen. Praktisch verschwunden… nur noch Teile von was einst so richtig gross und eindrücklich war.
Direktvergleich: Bild von 2025 und Bild von 2026.
Wo letztes Jahr ein scheinbar solides Eisgewölbe glänzte, geben heute Risse und Spalten im Eis den Blick nach aussen frei und das Wasser tropft unaufhaltsam.
Digital & Analog unterwegs
Dieses Jahr hatten wir nebst unseren Digitalkameras auch Analogkameras dabei. Alex mit der Mittelformat Hasselblad und ich mit der Leica M6. Je nur eine Filmrolle drin. Er schwarzweiss, ich ein Portra 800 in Farbe. So verblasst und nostalgisch die Analogfotografien wirken, so passen sie irgendwie zu diesem Umstand der Vergänglichkeit.
Gebrochen
Der Eingang in die letztes Jahr noch grösste Eishöhle von der Talseite her.
Leica M6 - Kodak Portra 800 Film
Hasselblad im Quadrat
An diesem Bild fällt das 1:1 Format auf - typisch für die Hasselblad 500 C/M Mittelformat. Alex wählte den Kodak 400 TX schwarzweiss Film. Die Struktur des Eises wird kontrastreich hervorgehoben.
In dieser Höhle haben wir vor einem Jahr noch gefilmt - heute waren wir nur noch am Eingangsbereich - alles andere ist weg.
Vielleicht fragen sich so manche, warum man heute noch oder eben wieder analog fotografiert. Ist es nur der Look? Das Korn, die Farben, dieser leicht verblasste Farbstich? Zur Veranschaulichung hier ein Direktvergleich.
Hochformat: Leica M6 mit Kodak Portra 800 Film / Unten: Leica M11, digital, ISO 800 (ohne Rauschunterdrückung).
Das Paradox der Langsamkeit
Vielleicht liegt darin das eigentliche Paradox unserer Zeit: In einer Welt, in der alles schneller, schärfer, perfekter werden soll – in der KI-generierte Bilder in Sekunden entstehen und jeder mit dem Smartphone 50 Frames pro Sekunde schiesst – erlebt der Analogfilm ein starkes Revival. Nicht trotz seiner Langsamkeit, sondern vielleicht gerade wegen ihr. Wir fotografieren langsam, auf Film, in einer Welt, die zu schnell schmilzt. Die Gletscher, Sinnbild geologischer Langsamkeit, lösen sich in wenigen Jahrzehnten förmlich auf – und jede Aufnahme wird zum stillen Protokoll dieses beschleunigten Abschieds.
Und wir Menschen haben den Anspruch, dass wenn wir auf die Berge gehen, der Schnee gut ist, die Verhältnisse top und die Eishöhlen unverändert da sind, damit das Foto auch gezeigt werden kann. Es ist kein Zufall, dass Alex mit seiner Hasselblad neben mir stand, während wir auf den Trümmern eines eingebrochenen Eisgewölbes standen. Zwei Formate, die nicht mehr zeitgemäss sein sollen. Zwei Medien, die zeigen: Gewisse Dinge müssen nicht verschwinden, nur weil die Welt weiterzieht. Und vermutlich ist genau das der Grund, der mich - oder uns - an der Analogfotografie so fasziniert.
Hoch hinaus
Nach diesen körperlich anstrengenden 10 Km zu Fuss auf dem Morteratschgletscher, begaben wir uns mit der Gondel auf die Diavolezza. Warme Dusche, Viergänger – und danach bis spät in die Nacht ein Bergpanorama fotografieren, das einen sprachlos macht. Und je später und dunkler es wurde, desto mehr begeisterten mich die Farben, die meine Leica M11 und Nikon Z8 so unterschiedlich wiedergaben - und das bei praktisch zeitgleichen Aufnahmen.
Das Faszinierende dabei: Was die Kamera zeigt, ist für das blosse Auge kaum sichtbar. Es ist 22 Uhr und dunkel. Doch bei ISO 6400 und 10 Sekunden Belichtungszeit sieht die Kamera wesentlich mehr als wir. Vielleicht lässt uns das erahnen, dass da draussen mehr existiert, als wir wahrnehmen – wenn wir nur hochschauen.
Nachtaufnahme auf der Diavolezza – Sternenhimmel über dem Piz Palü und Bernina - Nikon Z8
Was bleibt
Als Fotografen schaffen wir Erinnerungen. Bilder, die vielleicht irgendwann ausgestellt werden, irgendwo hängen, jemanden berühren. Doch nicht jedes Bild muss geschossen sein, um zu bestehen. Die stärksten Bilder trägt man oftmals nur in seinem Kopf. Erfahrungen, Begegnungen und Momente, in denen man gespürt hat, wie klein man ist und wie gross diese Welt.
Und was bleibt, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind? Vielleicht alte Fotografien. Vielleicht Worte. Was aber nie verloren geht, ist wie wir gewirkt haben. Wer wir waren. Wie wir mit unserer Erde umgegangen sind… die wir nur geliehen haben.
Memento Mori. Bedenke, dass du sterblich bist. Nicht als Drohung – sondern als Einladung. Zur Dankbarkeit. Zur Demut. Zum Respekt gegenüber einer Natur, die uns nicht braucht, der wir aber alles verdanken. Der Gletscher wird nicht ewig da sein. Wir auch nicht. Was wir jetzt tun – wie wir schauen, wie wir erinnern, wie wir bezeugen – das ist unsere einzige Antwort auf die Vergänglichkeit. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mit meinen Kameras unterwegs bin. Um zu bezeugen. Um nicht zu vergessen. Und um mir bewusst zu werden – dass auch ich der schonungslosen Vergänglichkeit unterworfen bin.
Leica M6 - Kodak Portra 800 / Typischer Analog-Look
