Ein Wochenende in Paris mit der Leica M6 - Projekt Analog!
Loslassen hat viele Gesichter. Am vergangenen Wochenende in Paris bedeutete es für mich zweierlei: Meine Tochter am Bahnhof in einen Zug Richtung Atlantikküste steigen zu sehen – zum ersten Mal zwei Wochen allein an einem unbekannten Ort für einen Sprachaufenthalt – und gleichzeitig die Kontrolle über meine Fotografie ein Stück weit aufzugeben. Kein Display, kein Histogramm, keine sofortige Sicherheit über das Ergebnis. Nur eine Leica M6, zwei Rollen Schwarzweissfilm und das Hoffen, dass etwas Gutes daraus entsteht. Danke an Camerastore & The Film Lab für die Unterstützung in diesem Projekt!
Filmrollen von Kodak & Ilford
Es ist über 20 Jahre her, seit ich das letzte Mal Filmrollen gekauft habe. Für dieses Projekt entschied ich mich für eine Rolle Kodak 400 Tmax und eine Ilford HP5 Plus.
Minimalistisch unterwegs
Die Leica M6 mit dem 35mm Summicron 2.0 Objektiv und einem Chablis. Rumgetragen habe ich nur die Kamera - genossen habe ich jedoch beides.
Analog in Paris: Kontrolle, Vertrauen und selbstauferlegten Druck
Das Wetter war grau, nass, unfreundlich – und gerade deshalb für Schwarzweiss extrem spannend. Regen auf den Strassen, der Eiffelturm in Wolken gehüllt, gedämpftes Licht vor dem Louvre, Notre‑Dame umgeben von einer Masse an anstehenden Touristen. Visuell vielleicht kein klassisches Postkarten‑Paris, aber ein Paris voller Tonwerte, Kontraste und Atmosphäre.
Kodak
Doch so spannend das Licht auch war, so ungewohnt war die Arbeit mit der Leica M6. Denn nach jedem Auslösen blieb nur das leise Klacken des Verschlusses – und die Fragen in meinem Kopf: „War das jetzt was? Oder nicht? Stimmt der Bildausschnitt? Stimmt die Belichtung?”
Der Eiffelturm in Wolken gehüllt
Momentum! Durch den Sucher sehe ich, wie sich zwei Vögel im Flug nähern - und ich wartete mit dem Auslösen bis ich sie da hatte, wo ich sie haben wollte. Nur ein Moment, nur ein Versuch… da kommen Glaube und Hoffnung vereint zusammen. Hab ich den Shot?
Kodak
Ich hoffte natürlich sehr, dass ich ein paar gute Bilder aus diesem Wochenende zeigen und veröffentlichen kann. Gleichzeitig spürte ich beim Fotografieren einen ungewohnten Druck: Ich hatte mir vorgenommen, darüber einen Blog zu schreiben. Und ich hatte ganz bewusst auf ein digitales Backup verzichtet. Keine M11 im Gepäck. Bis ich also die Ergebnisse auf dem Computer sah, wusste ich nicht, ob dieses Projekt nun eher mutig oder ziemlich naiv war.
Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer - das gilt vor allem bei der Analogfotografie… ich war aber vor allem erleichtert und positiv überrascht, ab diesen Fotos - und die Freude in mir, über dieses Experiment, wächst jeden Tag ein bisschen mehr.
Details vom Eiffelturm und der dunstige Blick nach unten.
Ich bin es gewohnt, meine Arbeit zu kontrollieren. Beruflich fotografiere ich digital - mit der Nikon Z9 und Z8 und auf Reisen grundsätzlich mit meiner Leica M11. Ich sehe sofort, ob Belichtung, Schärfe und Ausdruck sitzen. Ich kann nachjustieren, korrigieren, perfektionieren und nochmals abdrücken. Dieses direkte Feedback ist Teil meines kreativen Prozesses geworden – und auch Teil meiner Verantwortung gegenüber meinen Kunden, vor allem aber auch gegenüber mir selbst… weil ich das so will.
Bin ich ein Kontrollfreak, wenn ich das als anstrengend empfinde? Oder ist es schlicht der Wunsch, im eigenen kreativen Prozess nicht völlig im Blindflug zu arbeiten? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ich mag Klarheit. Ich mag es, zu wissen, was ich fotografiert habe und ob ich es brauchen kann oder nicht.
Kodak. Auch hier sah ich den Vogel kommen und wartete den richtigen Zeitpunkt ab. Ja, man muss sich mehr Mühe geben, um das Eine Foto hinzubekommen.
Hier ein paar Impressionen vom Louvre mit Kodak
Die unteren zwei sind mit Ilford aufgenommen, zwei Tage später.
Analog Revival – und mein Blick nach vorne
Seit einigen Jahren erlebt die analoge Fotografie ein regelrechtes Revival. Filmrollen sind oft vergriffen, die Nachfrage gross. Viele feiern die Entschleunigung, den “echteren” Prozess, die Haptik, das Bewusste. Ich habe mich ziemlich lange dagegen ausgesprochen und wollte es auch gar nie erst versuchen. Ich glaube grundsätzlich auch nicht an ein romantisches “Zurück“, sondern daran, dass es nach vorne geht. Rückwärts gehen will ich nicht. Meine Grundhaltung bleibt: Technologien entwickeln sich, und wir sollten lernen, sie zu nutzen. Bewusste Verweigerung von Fortschritt empfinde ich selten als Lösung - egal in welcher Angelegenheit.
Bilder unten: Ilford
Entschleunigung ist okay, wichtig sogar – aber sie ist nicht automatisch richtiger, reiner oder sinnvoller. Analog ist nicht per se moralisch überlegen, nur weil es analog ist - auch wenn das einige immer wieder lautstark behaupten. Doch in einer Welt der Extreme, so wie wir sie heute kennen, ist der Anspruch auf Absolutheit allgegenwärtig. Nur dies oder nur das ist richtig. Und in der Fotografie gibt es schon auch Zweige, die das ziemlich ausgeprägt leben, leider. Das sind oftmals die, die heute analog fotografieren oder solche, mit einer umgehängten Leica. Wie erkennt man einen Veganer? Er sagts dir! Und so ähnlich läuft das mit Analogfotografen und einem grossen Teil von Leica Ownern. Ja, nervt. Mich nervt das sogar sehr. Es ist unnötig - und anstrengend.
Place de la Concorde
Auch im Regen - die Kamera unter dem Regenschirm, einmal abdrücken.
Ilford
Diverse Aufnahmen von unterwegs… auch bei Nacht - mit einer Verschlusszeit von 1/60 aus der Hand, ohne Stativ.
Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum ich denn eine Leica M11 besitze, wenn mich dieses Getue stört? Gute Frage. Ich habe dank der Leica in den letzten dreieinahlb Jahren wirklich viel gelernt - gelernt zu fotografieren, ein Verständnis für manuelles Fokussieren bekommen und definitiv angefangen mehr auf die Bildkomposition zu achten. Auch wenn ich sie in den Anfängen gerne mal an die Wand geklatscht hätte, ist sie doch in Sachen Bildqualität und Farbwiedergabe ausgesprochen einzigartig. Und nur weil mir einige damit auf die Nerven gehen, muss ich ja die Kamera nicht verteufeln. Sowohl meine Leica M11 oder die geliehene Leica M6 sind letztendlich nur Werkzeuge, mit welchen ich Bilder machen kann, die mir Freude bereiten und die ich mit euch und der Welt teilen kann.
L’arc De Triomphe
Ein Schnappschuss.
Ilford
Fazit nach Paris: Begeistert oder nicht?
Bin ich nun angefixt vom Analog‑Virus? Oder kehre ich einfach erleichtert zur digitalen M11 und meinen Z‑Bodies von Nikon zurück? Die ehrliche Antwort: Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss, ist, dass diese Erfahrung in mir mehr ausgelöst hat, als ich erwartet habe. Es hat die Frage aufgeworfen, ob ich tatsächlich vermehrt auch analog fotografieren soll. Nicht per se wegen dem Prozess an sich, sondern wegen dem anderen Look der Fotos, dem körnigen, dem vielleicht auch Imperfekten - und dem bewussten Verzicht auf Kontrolle.
Natürlich möchte ich hier auch gleich offen legen, dass die Welt der Analogfotografie noch lange nicht echter ist als Digitalfotografie. Sie ist zwar in der Bildsprache anders, aber das heisst nicht, dass man diese gescannten Fotos nicht auch in Photoshop Lightroom bearbeiten könnte. Was ich nämlich auch gemacht habe - und zwar habe ich die sichtbaren Staubpartikel entfernt, die entweder schon beim Fotografieren selbst auf dem Film waren oder beim Scan-Prozess ihren Weg aufs Bild gefunden haben.
Also auch da, alles nur Beschiss? Man hört ja immer wieder, im Zeitalter von KI kann man sich nicht mehr sicher sein, was noch echt ist und was fake. Und Analog soll eben voll echt sein. Jein! Mit den heutigen Möglichkeiten, kann man immer alles verändern. Immer. Es bleibt wohl eine Frage des Charakters des Fotografen, ob und wie stark er seine Aufnahmen im Nachgang verändert und was er den Betrachtern vorlegen oder als “echt” verkaufen will.
Doch in einer Zeit, in der KI‑Bildgenerierung und Retusche Grenzen zwischen Echt und Unecht zunehmend verwischen, sendet ein analog aufgenommenes Foto durchaus ein starkes Signal: Hier war Licht, hier war ein Moment, hier war wirklich etwas vor der Kamera. Diese maximale Authentizität hat eine eigene Kraft. Aber auch das ist für mich kein Grund, die digitale Fotografie zu verteufeln, sondern eher eine Einladung und zusätzliche Motivation, beide Welten bewusster zu nutzen.
Basilique du Sacré-Cœur de Montmartre
Angelehnt an einer Mauer - Verschlusszeit 1/30.
Ilford
Sollte ich also weitere Projekte mit Analogfotografie verfolgen? Es würde mich sehr interessieren, was ihr - werte Leserinnen und Leser - von diesen Aufnahmen und meinen Sichtweisen haltet. Schreibt es unten in die Kommentare - würde mich freuen!
PS: Und sollte jemand von euch eine alte Leica M6 besitzen und sie nicht mehr brauchen - bei würde sie definitiv wieder in den Einsatz kommen.
Dankeschön an “The Film Lab!”
Wenn ihr euch auch mal mit Analogfotografie auseinandersetzten oder dies probieren möchtet, im Camerastore & The Film Lab am Hottingerplatz in Zürich sitzen die absoluten Analog-Cracks!
