Aurora Borealis - Das magische Licht aus dem hohen Norden

Es ist Weihnachten. Ich sitze am Küchentisch in meinem roten Haus und blicke hinaus in die verschneite Weite von Abborrträsk in Schwedisch Lappland. Schon kurz nach Mittag verschwindet die Sonne wieder hinter dem Horizont und taucht die Wälder in ein weiches, fast surreales Licht. Die Kombination mit dieser absoluten Stille hier oben fesselt mich immer wieder. Der Kontrast zu meinem Alltag im hektischen Zürich könnte kaum grösser sein. Während dort die Hektik der Grossstadt den Takt angibt, finde ich hier oben Ruhe für Auge, Körper und Geist.

Beide Bilderserien - oben und unten - entstanden jeweils kurz nach dem Mittag: oben bei bewölktem, unten bei klarem Himmel.

Wenn für die Nacht klarer Himmel angesagt ist, stehen die Chancen gut, Nordlichter zu sehen. Kurz vor Weihnachten hatte ich grosses Glück und konnte an zwei aufeinanderfolgenden Nächten die Nordlichter fotografieren.

Norrsken över Abborrträsk i Lappland, Sverige

Norrsken

So nennt man hier oben in Schwedisch Lappland die Polarlichter. Diese Aufnahme entstand um 23:23 Uhr auf dem gefrorenen See von Abborrträsk.

Die Physik hinter der Magie: Warum der Himmel leuchtet

Nordlichter sind, nüchtern betrachtet, das Ergebnis einer gewaltigen kosmischen Kollision. Die Sonne schleudert permanent geladene Teilchen ins All - den Sonnenwind. Wenn diese Teilchen auf das Magnetfeld der Erde treffen, werden sie zu den Polen gelenkt (daher Aurora Borealis im Norden und Aurora Australis im Süden).

Dort dringen sie in die Atmosphäre ein und kollidieren mit Gasatomen. Diese Kollision bringt die Atome zum Leuchten.

  • Warum meistens Grün? In einer Höhe von ca. 100 bis 200 Kilometern treffen die Sonnenpartikel auf Sauerstoffatome. Das Ergebnis ist das uns bekannte, typische Grün (für die Technik-Interessierten: Wellenlänge ca. 557,7 nm).

  • Wann wird es Rot oder Violett? Bei extrem starken Sonnenstürmen dringen die Teilchen tiefer ein oder regen Sauerstoff in sehr grossen Höhen an. Rötliches Licht entsteht oft in grosser Höhe (über 200 km, Wellenlänge ca. 630 nm) durch Sauerstoff. Weiter unten sorgt Stickstoff für violette bis blaue Färbungen.

Nordlichter, Aurora Borealis tanzen farbenfroh über dem Himmel in Lappland Schweden

Die Jagd nach dem Licht

Viele Reiseanbieter werben plakativ mit “Nordlicht-Garantien”. Ich sehe das bei meinem Projekt Destination Norden eher kritisch. Warum? Weil man Naturphänomene nicht buchen kann - und weil die bunten Karten in den Apps oft falsch interpretiert werden.

Ein klassisches Missverständnis betrifft den Kp-Index. Viele starren gebannt auf diesen Wert (0 bis 9). Doch was sagt er eigentlich aus? Der Kp-Index wird aus geomagnetischen Messungen in dreistündigen Intervallen berechnet und beschreibt die Stärke und Ausdehnung der geomagnetischen Aktivität. Prognosen sind lediglich Trends, keine Garantien!

  • Ein extrem hoher Wert (Kp 7–9) drückt das Oval weit in den Süden – dann kann man das Leuchten sogar in Norddeutschland oder über den Schweizer Alpen sehen.

  • Hier oben in Schwedisch Lappland befinden wir uns im sogenannten "Auroral-Gürtel". Wir brauchen diese Extremwerte gar nicht. Oft reicht schon ein moderater Kp 2 oder 3, damit sich das Oval über uns schiebt und wir ein spektakuläres Schauspiel erleben.

Was die Daten in deiner App wirklich bedeuten

Wenn du die bspw. App Aurora öffnest, siehst du Werte zum Sonnenwind. Diese Echtzeit-Daten sind viel wichtiger als der Kp-Index. Hier findest du Erklärungen zu den verschiedenen Angaben:

  • Sonnenwindgeschwindigkeit (km/s):

    • Stell dir vor, wie stark der Wind weht. Ein "normaler" Wert liegt bei ca. 300–400 km/s. Steigt er auf über 500 oder 600 km/s, trifft der Sonnensturm mit Wucht auf die Erde. Das bringt Bewegung und Dynamik in die Lichter.

  • Sonnenwinddichte (p/cc):

    • Dies zeigt an, wie viele Teilchen pro Kubikzentimeter ankommen. Je höher die Dichte (z.B. über 10 oder 20 p/cc), desto "satter" und heller erscheinen die Farben.

  • Sonnenwind Bt (nT):

    • Das ist die Gesamtstärke des Magnetfelds, das vom Sonnenwind mitgebracht wird. Je höher die Zahl, desto mehr Energie steht prinzipiell zur Verfügung. Aber Achtung: Energie allein reicht nicht, die Tür muss auch offen sein (siehe Bz).

  • Sonnenwind Bz (nT) – Der wichtigste Wert:

    • Das ist der "Türsteher". Er zeigt die Ausrichtung des Magnetfelds an.

      • Positiv (+): Die Tür ist zu. Die Teilchen prallen ab. Selbst bei hohem Bt-Wert bleibt es oft dunkel.

      • Negativ (-): Die Tür steht offen! Wenn der Wert ins Minus fällt (z.B. -5 oder -10 nT), können die Teilchen in die Atmosphäre strömen.

Merke: Hoher Speed + Hohes Bt + Negatives Bz = Geh sofort raus!

Die obigen technischen Informationen wurden mit Hilfe von KI erstellt.

Das “Rekken”: Warum ein grüner Himmel allein kein gutes Foto macht

Technisches Wissen ist das eine, Vorbereitung das andere. Selbst bei perfekten Daten (Bz​ negativ, Himmel klar) braucht es mehr für ein starkes Bild als lediglich buntes Licht. Ein Foto, das nur grüne Streifen am schwarzen Himmel zeigt, wirkt schnell austauschbar. Ein gutes Bild braucht Kontext und Komposition - auch wenn “gut” natürlich immer subjektiv ist und stark vom persönlichen Empfinden abhängt.

Deshalb ist das Rekken - das Erkunden der Umgebung bei Tageslicht - für mich Pflichtprogramm.

Zusammen mit Katenka habe ich die wenigen hellen Stunden genutzt, um die Wälder rund um Abborrträsk zu durchstreifen. Wir suchten Orte fernab jeglicher Lichtverschmutzung mit freiem Blick nach Norden. So stiessen wir auf ein Moorgebiet gleich hinter dem Dorf, das im Sommer zu Fuss kaum zugänglich ist. Im Winter aber tragen die Scooterspuren perfekt durch das Buschwerk bis zur offenen Fläche. Als am Abend dann der “Nordlicht-Alarm” unserer Nachbarin einging, waren wir im Nu dort. Und da wir die Strecke kannten, war es auch halb so wild, dass im blitzartigen Aufbruch alle Stirnlampen im Häuschen liegengeblieben sind.

Ein anderes Beispiel zur Bildgestaltung bringt mich auf den Vittjåkk. Ich befand mich auf diesem fast baumfreien Berg, während der Mond die schneeweisse Landschaft hell erleuchtete. Zwar spannte sich ein grüner Bogen über den Himmel, doch ich merkte schnell, der aktuelle Standort passte mir nicht. Und hier kommt die Bildkomposition ins Spiel. Statt einfach abzudrücken, suchte ich einen neuen Spot, um den Bildausschnitt anzupassen.

Auge vs. Sensor: Die ewige Diskussion

Eine Frage, die mir immer wieder begegnet, lautet: “Sieht man die Polarlichter mit dem blossen Auge überhaupt richtig - oder “verstärken” nur Kamera und Smartphone diese Lichter?” Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, stimmt aber so nicht ganz. Ein starker Sonnensturm ist auch mit dem blossen Auge absolut überwältigend: Das Licht tanzt, bewegt sich wellenartig und ist klar sichtbar, oft als intensives Grün. Es ist ein magischer Moment, in dem man die Kamera ruhig einmal zur Seite legen sollte, um einfach zu geniessen.

Aber die Technik sieht tatsächlich mehr Farbe! Der Kamerasensor sammelt über mehrere Sekunden hinweg Licht (Photonen) und addiert die Lichtinformationen, während unser Auge sie in Echtzeit verarbeitet. Dadurch erscheinen auf Fotos insbesondere die rötlichen und violetten Töne oft intensiver als in der Realität. Grün sehen wir mit dem Auge meist schon selbst. Man kann also sagen: Wenn das Polarlicht sehr schwach leuchtet und für das menschliche Auge kaum sichtbar ist, dann sieht die Kamera - oder auch das Smartphone - tatsächlich mehr. Doch wer einmal einen starken Ausbruch selbst erlebt hat und dieses überwältigende Licht mit seiner Kamera einfangen will, sollte sie am besten schon vorher richtig eingestellt und bereit haben.

Technik & Setup: Wie ich Nordlichter fotografiere

Wenn die Lichter am Himmel sichtbar werden, sollte man nicht erst anfangen, an den Einstellungen zu fummeln. Man muss seine Kamera blind bedienen können - auch im Dunkeln bei tiefen Minusgraden.

Frédéric Diserens fotografiert mit seiner Nikon Z8 Nordlichten in Lappland

Mein Setup

Ich mag es immer einfach und simpel. Für diese Fotos nutzte ich meine Nikon Z8 mit dem Nikkor Z 24-70mm f/2.8 sowie mein Karbon-Stativ von Peak Design.

Ihr seht, je nach dem wo man sich befindet, gibt es auch Lichtquellen aus der Stadt (hier Arvidsjaur)… nur, das ausziehen des Handschuhs bei Minus 28° sorgte für einen heftigen Kuhnagel.

Danke Stanzi für das Foto! 🤩

Da der Autofokus im dunklen Nachthimmel meist nicht funktioniert, suche ich mir eine weit entfernte Lichtquelle (einen hellen Stern, den Mond oder ein Licht am Horizont), lasse den Autofokus greifen und schalte dann am Objektiv auf manuellen Fokus (MF) um. So kann ich sicherstellen, dass das Bild scharf ist.

Bei der Belichtung gibt es kein Patentrezept - es bleibt eine Abwägung… und so mache ich es:

  • Tanzen die Lichter schnell? Dann brauche ich eine kurze Verschlusszeit (z.B. 1–3 Sekunden), um die Strukturen einzufrieren und keinen grünen Matsch zu bekommen. Dafür muss die ISO hoch (oft 1600 oder höher). Dank moderner Kameras wie der Z8 ist das Rauschen heute gut handhabbar (auch in Adobe Lightroom mit der der Rauschreduzierung in der Bildnachbearbeitung).

  • Ist es ein ruhiger Bogen der kaum Bewegung zeigt? Dann gehe ich gerne auch mal auf 6 bis 10 Sekunden Belichtungszeit hoch und senke die ISO auch mal unter 1000. Die Blende bleibt jedoch fast immer weit offen auf f/2.8. (Übrigens: In meinem one-to-one Fotokurs lernst du diese Werte manuell einzustellen - einfach und praxisnah😉).

Projekt Destination Norden: Ein kurzer Ausblick

Mit Destination Norden starte ich mit grosser Vorfreude im Juni 2026 in die erste Runde. Da herrscht die Mitternachtssonne und es wird nie richtig dunkel. Aber für die zweite Durchführung im September 2026 stehen die Chancen bereits gut, die ersten tanzenden Lichter zu sehen. Das Programm im September bleibt im Grundsatz gleich, würde sich jedoch - je nach Nordlichtvorhersagen - leicht in die Abendstunden verlagern.

Zur Info: Platz in meinem Haus habe ich für drei Abenteurer. Wir leben in meinem Haus als Abenteuer-WG und erkunden gemeinsam mit unseren Kameras die Schönheit von Schwedisch Lappland. Wir wandern, fahren zwei Tage mit dem Kanu über Seen und Flüsse und übernachten im Zelt, lernen zu fischen und wie man diese auf dem Feuer zubereitet, geniessen das Feierabendbier in der Sauna u.v.m.. Es sind Paare, Frauen, Männer, Teams und Familien willkommen. Mehr Infos gibt es auf Destination Norden.

Und genau deshalb bin ich so oft hier oben und plane weiter. Im kommenden März werde ich erneut nach Schwedisch Lappland reisen, um Routen für mögliche Winter-Abenteuer zu scouten. Die Idee reift, mein rotes Haus und diese wunderbare Region auch in den Wintermonaten, bspw. März für Abenteuer- und Fotografiebegeisterte zugänglich zu machen… mit Schneeschuh- oder Hundeschlittentouren… und für die ganz mutigen, dem richtigen Eisbaden in gefrorenen Seen. Denn so sehr ich die endlosen Sommertage liebe, das Winterlicht hat schon seinen ganz eigenen Reiz.

Oranges Licht beim Sonnenuntergang im Winter in Lappland Schweden

Und damit der Tacho nicht bei Null stehen bleibt, das Gas ist unten rechts! In diesem Sinne euch allen einen wunderbaren Start ins Jahr 2026 - bleibt neugierig!

Frédéric

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Destination Norden: Die Geschichte meines Lappland-Traums